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02.06.09

Sonntagsbeilage vom 31.05.09 

Letzten Sonntag habe ich im BR in Michael Skasas Sonntagsbeilage eine autobiografische Geschichte gelesen.
Jetzt bin ich schon ein paar mal gefragt worden, wo man diese Geschichte nachlesen könne.

Bitte sehr, hier bei mir exklusiv auf meiner Homepage:                                                                                         

Geschimpftkriegen

Dass meine Bemühungen ein braves Kind zu sein, meist nicht so erfolgreich verliefen, hatte auch damit zu tun, dass man bei uns daheim vom Bappa für ein und dieselbe Angelegenheit das eine Mal eine Watschn, das andre Mal Gelächter erntete. Unser Bappa konnte, wenn er nicht gerade sehr schlecht aufgelegt war, weil er entweder grad vom Dienst kam oder grad zum Dienst musste, (der Bappa war Straßenbahnfahrer und seine Arbeit hieß „in den Dienst gehen") konnte der Bappa  sehr lustig sein. Wenn ich was angestellt hatte oder dem Bappa sonst irgendwie unangenehm aufgefallen war und er war gerade gut aufgelegt, dann bekam ich keine Watschn, sondern der Bappa sagte: „D´Marie verkauf ma jetzt dann bald für a schwarz Facki." Für die Nichtbayern, ein schwarzes Facki ist ein schwarzes Schweindl, ein kleines  Ferkelchen. Ich war mir nie ganz im Klaren, wie ernst oder wie gspassig der Bappa was meinte und machte mir schon zwischendurch Sorgen über die Pläne, die der Bappa mit mir hatte.

  Und nachdem ich im Alter von drei Jahren einen Motorradunfall hatte, d.h. ich wurde von einem Motorrad überfahren, fand ich mich im Krankenhaus wieder. An den Unfall konnte ich mich  nicht erinnern. Ich lag da mit gebrochenem Schlüsselbein und Gehirnerschütterung und dachte nur: so, jetzt ist es passiert, jetzt hat er dich tatsächlich verkauft. Du bist da herin, und daheim hams jetzt dieses schwarze Schweindl. Wie der Bappa dann  zu Besuch ins Krankenhaus kam, flehte ich ihn an, er möge mich doch bitte wieder mit heim nehmen. Ich würde ab jetzt bestimmt ganz brav sein, den Blumen im Garten nicht mehr die Köpf abrupfen und auf keinem Fall, am Abend mit schwarzen Füssen ins Bett gehen. Der Unfall war so abgelaufen:  Meine große Schwester (vierjährig) rannte vor unserem Haus über die Straße, ich (dreijährig) rannte hinterher, ohne nach links und rechts zu schauen, wie man es mir bestimmt beigebracht hatte. Meine große Schwester erreichte die andere Straßenseite, mich erwischte das Motorrad. Einer der Nachbarn aber deutete mit dem Finger auf meine bedauernswerte Schwester und rief laut:  „Die is Schuld, die is Schuld!" Was meiner  Schwester ein lebenslanges Schuldgefühl mir gegenüber eingebracht hat, was ich jetzt versuche nicht zu sehr auszunützen.

   Das Mitgefühl des Nachbarn,  gehörte nicht mir, sondern eindeutig dem Motorradfahrer. Er legte den Arm um ihn und tröstete ihn mit einem fortwährenden: „sie sind ja nicht Schuld, sie sind ja nicht Schuld".

Damals galten Kinder halt allgemein nicht viel und Spielstraßen, Tempolimit, Vorsicht Kinder oder Pädagogik waren damals noch  unbekannte Begriffe. Aber von Aufsichtspflicht hatte man schon etwas gehört Meine  herzensgute donauschwäbische Großmutter  rang daher die Hände und schrie: „Was werd jetzt mit mir gmacht, werd ich uffghonga !"  Sie wurde nicht aufgehängt, musste aber für damalige Verhältnisse sehr viel Geld Strafe bezahlen. Wie schnell der Motorradfahrer gefahren war, das war uninteressant. Kinder hatten auf der Straße einfach nichts zu suchen, wenn ein Motorradfahrer   daherkam.

     An den Krankenhausaufenthalt kann ich mich noch sehr gut erinnern. Von 2 Uhr bis 4 Uhr nachmittags war Besuchszeit. Schlag 4  schrillte so eine schrecklich metallscheppernde Art Sirene, ähnlich wie sie  an manchen Schulen beim Stundenwechsel zu hören war. Parallel dazu hörte man aus  hundert Kinderkehlen ein ohrenbetäubendes Geheul, weil diese Sirene bedeutete, sich  von den Eltern zu trennen. Die Besuchszeit war zu Ende.

     Wieso  mir dieser Krankenhausaufenthalt aber noch in so lebhafter Erinnerung geblieben ist, hat mit folgender Begebenheit zu tun:In dem Krankenzimmer, in dem ich mit anderen Kindern lag, gab es einen großen dunklen Schrank. Immer wenn die Kinder Besuch und also was mitgebracht bekommen hatten, Süßigkeiten oder Obst, kamen diese Köstlichkeiten in diesen Schrank und am Abend wurden all die guten Gaben von der Nachtschwester unter den kleinen Patienten aufgeteilt, eine an sich gute Sache. Jetzt war das in meiner Familie nicht so üblich, dass man außer der Reihe, einfach so, Süßigkeiten oder Obst bekam und mir war schon gar nicht mehr so wohl in meiner Haut, hatte ich doch schon mehrmals von den Leckereien der anderen was abbekommen, aber selbst noch nichts zum Wohle aller beigetragen.

      Da brachten mir die Eltern  doch tatsächlich eines Tages Weintrauben mit. Ich war sehr glücklich, dass auch mal von mir etwas Feines in den Wunderschrank kommen sollte, und gleich so was Außergewöhnliches, Weintrauben! Ich konnte es kaum erwarten, bis es endlich Abend werden und die Schwester den Schrank aufmachen würde...Und als es dann endlich soweit war und die Schwester den Schrank öffnete um die Leckereien auszuteilen, sagte ich  stolz: „das sind meine Trauben". Vielleicht war das missverständlich ausgedrückt, vielleicht hätte es mir geholfen, zu sagen: „die Trauben sind von mir." Nein, ich Unglückswurm rief: „das sind meine Trauben". Da wurde die sonst engelsgleiche Schwester furchtbar bös und schrie: „Das sind nicht deine Trauben,  die sind für alle da! Du  geiziges Kind, die Süßigkeiten von den anderen isst du schon mit, aber deine Sachen willst du nicht teilen."

    Ich erschrak furchtbar darüber, dass diese liebe Schwester so ein böses Gesicht machen  und richtig schreien konnte. Ich schlüpfte unter die Decke und schämte mich, wusste zwar nicht wofür, aber irgendwie musste ich was ganz Schlimmes gesagt haben, dass diese sonst so liebe Schwester derart wütend geworden war. Weil ich so ein böses Kind war, bekam ich zur Strafe nichts von meinen Weintrauben ab und musste noch Angst haben, dass die Schwester alles meinen Eltern erzählen würde und dann würde ich wahrscheinlich noch einmal geschimpft kriegen.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will.  Wir Erwachsene vergessen oft, wie schlimm Geschimpftkriegen für Kinder ist. Mein humoriger Vater hat immer gerne mit einem „hahaaha"  erzählt, wie ich als kleines Mädchen zu ihm sagte: "Gäh Bappa, schimpf  net lang, hau mir halt glei oane runter!" Mir war halt dieses Geschimpft-kriegen so arg. Das dauerte immer, man wusste nie wie lange, und am Ende  bekam man ja meistens doch eine Watschn. Wenn man die gleich zu Anfang kriegte, wars schneller vorbei.

Und zum zweiten, möchte ich mit dieser Geschichte dafür plädieren,  nicht alles was uns zu Ohren kommt, gleich in die vorgefertigten Schubladen  zu stecken, sondern gerade bei Kindern, ein bisserl genauer hinzuhören. Es hat ja nicht jedes Kind die Chance, seine Geschichte nach 50 Jahren öffentlich zu erzählen und sich so zu rehabilitieren.


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