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27.10.08

Lampenfieber

Bei meinem Auftritt im Eiskeller in Aschau hat es mich mal wieder ganz extrem gepackt: Das Lampenfieber! Gibt es jemand, der sich nicht vorstellen kann, wie sich so was anfühlt? Ich weiß dass viele Mitmenschen, wenn sie vor mehr als zwei Personen eine kleine Begrüßung, Gratulation zu einem Jubelfest halten, oder nur eine Veranstaltung ankündigen sollen, wohl so etwas in der Art verspüren.  Zumindest berichten sie von  einer starken Nervosität.

Wie ich das erste mal von Lampenfieber gepeinigt worden bin, konnte ich diesen Zustand noch gar nicht diagnostizieren.

Ich war so ca. 9 Jahre alt und fühlte mich einfach krank, sehr krank.

Unsere Eltern nahmen die Schule und alles was man über die Schule zusätzlich beigebracht bekommen konnte sehr ernst und so mussten oder durften wir auch an der „Singschule" teilnehmen. Bis auf unseren Bruder, das älteste von uns Kindern. Er war ein gescheiter Bub, aber singen war ihm eine Qual. Zu seinem Glück waren die Eltern, besonders der Vater der Meinung, Singen sei das, was  ein richtiger Bub am wenigsten können müsse. Sie verschonten ihn mit der Singschule. Besser gesagt, die Singschule vor ihm. Ich seh ihn noch am Abend verheult, die Mamma an seinem Bett sitzend, verzweifelt „im Märzen der Bauer" üben. Es klang wirklich nicht gut.  Ich glaube auch nicht, dass  mein Gesang besonders schön klang, aber ich sang halt sehr gerne und die große Freude, die ich an den Liedern hatte, machte wohl vieles wett.

An einem Festabend, an dem wir für Eltern und Freunde des Gesangs, unser Gelerntes zum Besten geben sollten, war ich nicht nur eine unter vielen, eine von den Chorsängern, sondern man lud mir Mitverantwortung für den Ablauf des Abends auf.

Ich wurde mit einer Ansage beauftragt. Ganz alleine, in der Riesenaula vor versammelter Meute, sollte ich das nächste Musikstück ankündigen: „Ein kleines Rondo, aus dem Orff-Schulwerk". Ein paar Worte, nicht mal ein ganzer Satz! Überhaupt kein Problem für eine wie mich, die eh bereits mit der Bühnenkunst liebäugelte.

Am Tag der Aufführung verspürte ich es dann zum ersten Mal: Das was man in Bühnenkreisen Lampenfieber nennt. Damals wusste ich noch nicht, dass es für dieses Leiden, diesen Zustand einen Namen gab. Schon kurz nach dem Aufstehen war mir schlecht und ich hatte in der Magengegend ein so eigenartiges, merkwürdiges Ziehen und musste ständig aufs Klo.
Ich ahnte damals noch nicht, dass ich mich Jahre später, über einen längeren Zeitraum hin, dieser Qual immer wieder aufs Neue freiwillig aussetzen würde.
 „Wie dumm" dachte ich, „ausgerechnet an so einem wichtigen Tag muss ich krank werden".

Am Abend, als es ernst wurde und unser Chor das Gelernte und Eingeübte dem Publikum präsentieren sollte, verschlechterte sich mein Zustand zusehends. Und als das Konzert seinen Lauf genommen hatte, konnte ich mich kaum auf die Lieder, die vor meiner Ansage gesungen wurden, konzentrieren. Innerlich wiederholte ich immer wieder meinen Text - "Ein kleines Rondo aus dem Orff-Schulwerk - ein kleines Rondo aus dem Orff Schulwerk....."

Als der Große Moment gekommen war, schleppte ich mich todkrank, die Hände schweißnass, nach vorne zur Rampe, geblendet von den Scheinwerfern, die Menschenmassen dort unten nur erahnend. Ich spürte, dass einem das Herz tatsächlich im Hals klopfen konnte. Das hatte ich mal gelesen und  nicht glauben wollen, mir gar nicht vorstellen können, wie das gehen sollte. Jetzt wusste ich, wie das tat. In die erwartungsfrohe Stille hinein  setzte ich an mit: „Ein kleines R... ein kleines R....ein kleines R...." Mir fiel einfach dieses merkwürdige Wort „Rondo" nicht mehr ein. Immer wieder setzte ich aufs Neue an, in der Hoffnung, ein Wort würde sich ganz selbstverständlich an das andere reihen und dieses oft wiederholte, auswendiggelernte Wort mit dabei sein. Ich hoffte vergebens, nach dem R war immer Schluss. Es kam nichts mehr nach. „Ein kleines R...ein kleines R..." ich hörte zwar ein Geraune und Gezischel, wahrscheinlich rief man mir die fehlenden Worte zu, doch mein Kopf war aus Beton. Es drang nichts durch. Nach endlosen Sekunden erlöste mich jemand, ich nehme an unsere Singlehrerin und führte mich von der Bühnenrampe ab, zurück in den Kreis der Chorkinder.

Die Zuschauer, vorwiegend Eltern lachten, wahrscheinlich sogar wohlwollend. Das war doch immer so nett, wenn Kindern so kleine Pannen unterliefen. Das hatte Charme, nahm dem Ganzen so bisschen das Steife. Es menschelte dann so schön. Eltern neigen in solchen Fällen immer gutmütig zur Milde, vorrausgesetzt es handelt sich um die Kinder der anderen und nicht die eigenen. Ich fühlte mich natürlich ausgelacht  und schämte mich furchtbar.

In meiner Familie hat so mancher das Talent, andere zu imitieren und zu karikieren. Die, die kein Talent dazu haben, tun´s schamlos trotzdem. Selbst die engsten Familienmitglieder genießen keinen Schutz vor Spott, Hohn und Schadenfreude. Im Gegenteil, man setzt ausgesprochen gern den anderen dem Gelächter aus. Noch Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre danach, musste ich mir immer wieder zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten anhören: Maria, was möchst jetzt du zum Geburtstag? Ah do deama net lang umanand, du kriegst einfach ein kleines R. - Wo warst jetzt du? Hast grad ein kleines R.. gmacht?


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